Das verwundert kaum, denn die Gemeinde wächst äußerst schnell. Noch vor zehn Jahren sollen in Deutschland knapp 30.000 Ahmadi gelebt haben, heute sind es rund 55.000, wobei ein nicht zu unterschätzender Teil der neuen Anhänger Konvertiten sind: „150-200 sind es jährlich. Dies ergibt sich zu großen Teilen aus dem Sehnsuchtsgedanken der Moderne, dem wir mit unseren Auffassungen offenkundig gut begegnen können“, erklärt der Imam und islamische Theologe Scharjil Khalid, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Ahmadiyya-Gemeinde verantwortlich ist.„Wir haben bereits 80 Moscheen in Deutschland, in weiteren 200 Gemeinden verfügen wir über Gemeindezentren“, informiert Emir Abdullah Wagishauser, der seit 1984 der Ahmadiyya-Gemeinde Deutschlands vorsteht, über die Verankerung der Glaubensgemeinschaft im Land. Um der nicht selten zu bemerkenden Islamfeindlichkeit in Deutschland zu begegnen, lebt Wagishauser mit seiner Gemeinde ein offensives Programm: „Es hilft nicht, wenn man sich verkriecht. Wir müssen die negativen Bilder in den Köpfen verändern. So arbeiten wir für die Menschen oft mit Bürgermeistern zusammen, wir setzen Zeichen für ein Miteinander und lehnen jeglichen Zwang und alle Gewalt entschieden ab.“ Verschiedene Aktionen, wie etwa das Säubern der deutschen Straßen alljährlich zum 1. Januar, würden auch immer mehr Beachtung finden.
ARCHIV – Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde reinigen den Brühl in Chemnitz vom Silvestermüll.HärtelPRESS/IMAGODabei gehe man auch aktiv in den Osten und dort in jene Regionen, in denen es oft gar keine Muslime gibt, jedoch umso mehr Ressentiments gegen diese. „Abseits von äußerst seltenen negativen Erfahrungen kommt es durch die Aufklärung und den Dialog meist zu einem Aufbrechen von Vorurteilen, viele haben durch uns überhaupt zum ersten Mal einen Muslim getroffen“, erzählt Wagishauser mit gewissem Stolz. Khalid ergänzt: „Weil viele Menschen in Deutschland den Halt verloren haben, wählen sie extreme Parteien. Insbesondere ihnen wollen wir die Hand reichen“.
Ob es einen inhaltlichen Schwerpunkt für das muslimische Rekord-Glaubensevent gibt, will man bei der Pressekonferenz Freitagmittag wissen. Der Emir denkt nach und nickt überzeugt: „Der heutige 1. September ist doch der Antikriegstag. Unser permanentes Ziel ist der Frieden, das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben“.Auf der Messe selbst werden Diskussionsrunden, Vorträge, mehr als 20 Ausstellungen, aber selbstverständlich auch ein hoher Anteil an Gebetsmöglichkeiten geboten. Im Zentrum stehe jedoch nicht nur die spirituelle Erleuchtung, sondern insbesondere auch die Aufklärung. Mehr als 5.000 Freiwillige sorgen vor Ort dafür, dass für die zehntausenden Gläubigen alles rund läuft – rund 2.000 davon sind im jugendlichen Alter, wie man stolz betont. Viele hätten extra zwei Wochen ihres Urlaubs im eigentlichen Beruf geblockt, um das Gelingen der Veranstaltung zu ermöglichen. „Und das in Zeiten, in denen für viele nur die Work-Life-Balance im Zentrum steht“, hört man hier heute immer wieder.
„Bei uns haben die Frauen mehr Rechte als die Männer“
Die Ahmadiyya-Gemeinden gelten als streng konservativ, das erkennt man etwa auch an der strikten Geschlechtertrennung am Gelände – diese wird bereits am Eingang praktiziert. „Wir sind liberal, aber wertekonservativ“, betont Wagishauser dahingehend, kann sich einen kleinen, nicht ganz ernst gemeinten Schmunzler jedoch nicht verkneifen: „In manche Bereiche der Männer dürfen Frauen kommen, umgekehrt ist das nicht möglich – bei uns haben die Frauen also mehr Rechte als die Männer.“Gemäß der eigenen Grundsätze sind fünf der Hallen den männlichen Gläubigen vorbehalten, die weiteren fünf den weiblichen. Die von außen immer wieder geäußerte Kritik an der Geschlechtertrennung kann man hier aber nicht verstehen: „Von den Gläubigen hat niemand ein Problem damit, denn es handelt sich dabei einfach um Safer Spaces. Die Geschlechter können sich am besten entfalten, wenn sie unter sich sind“, erklärt Khalid.Beim Gang über das Gelände zeigt sich, wie bunt gemischt die Masse an Gläubigen abseits dessen hier ist: Von Rentnern bis Kleinkindern, von gut genährten bis äußerst sportlich wirkenden Menschen ist hier alles vertreten. Manche sind im schicken Anzug gekommen, andere fanden in legerem Outfit den Weg aufs Areal, nicht wenige zeigen sich auch in traditioneller Kleidung.
Mit den erwarteten mehr als 50.000 Gläubigen ist die Jalsa Salana Europas größte Versammlung von MuslimenAhmadiyya-GemeindeBereits aus weiter Ferne riecht man asiatische und afrikanische Gewürze. Eine ganze Messehalle ist mit Bierbänken und -tischen befüllt, hier gibt es für alle Gläubigen kostenloses Essen, das ehrenamtliche Mitarbeiter zubereitet haben. „Insgesamt werden das Wochenende hindurch mehr als 200.000 Mahlzeiten gekocht, wir sind also auch Deutschlands gigantischste Popup-Küche“, lacht Khalid.
Steuergeld bezieht man laut eigenen Angaben, obwohl man in Deutschland das Anrecht darauf hätte, übrigens überhaupt keines. „Wir wollen rein religiös bleiben und im Dienste des Glaubens spenden“, versichert Khalid. So soll sogar das millionenteure Event an diesem Wochenende in Stuttgart gänzlich aus Spenden der Gläubigen finanziert worden sein.
„Erfüllung der Sehnsüchte der Moderne“ – hier in Freiheit, in Pakistan verfolgt
Doch wer sind die Ahmadis, die öffentlich überraschend wenig Beachtung finden, überhaupt? Die islamische Reformbewegung, als die sich die Ahmadiyya-Gläubigen selbst verstehen, fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Indien ihren Anfang. Der Gründer, Mirza Ghulam Ahmad, erhob den Anspruch, selbst der „verheißene Messias“ zu sein, was von anderen muslimischen Strömungen nicht anerkannt wird. Weltweit soll es Dutzende Millionen Mitglieder geben, genaue Zahlen seien jedoch unmöglich zu nennen. Der Grund dafür sind erstens die fehlenden Melderegister in afrikanischen Ländern, zweitens jedoch auch die großen Mitgliederzahlen in Staaten, in denen die Ahmadi verfolgt werden – etwa im ehemals für Ahmadiyya so zentralen Pakistan. Sie selbst sind jedoch gänzlich pazifistisch eingestellt, lehnen Gewalt entschieden ab.
Die eigene Lehre wolle man den Andersgläubigen näher bringen, jedoch keineswegs penetrant – nicht Missionierung sei der Weg, sondern Verkündung. Man müsse mit den Werten, den Projekten und Aktionen die Herzen der Menschen ansprechen, nur der geringste Zwang würde das Gegenteil bewirken. Viele würden die Kirche verlassen, doch laut Khalid nur die Institution und nicht den Glauben. Wie er betont, biete man in dieser oft entwurzelten und sich rasant verändernden Zeit gewissermaßen die „Erfüllung der Sehnsüchte der Moderne“, etwa nach Halt, nach Ankerpunkten, nach Spiritualität. „Immer mehr Menschen in Deutschland merken, dass Materielles nicht so glücklich machen kann, wie dies bei Sozialem der Fall ist“.Was die Glaubensgemeinschaft ebenfalls von anderen muslimischen unterscheidet: Sie sind straff organisiert und haben auch ein allgemein anerkanntes Oberhaupt. Was für Katholiken der Papst, das ist der Kalif für die Ahmadis – der in London residierende Mirza Masroor Ahmad ist der Kalif aller Ahmadiyya-Gemeinden weltweit. Der 74-Jährige kam ebenfalls nach Stuttgart, wurde bereits bei der Ankunft von frenetischen Gebetsrufen begleitet.
Mirza Masroor Ahmad (M.), der Kalif aller Ahmadiyya-Gemeinden weltweitAhmadiyya-GemeindeKalif mahnt die Gläubigen
Er selbst gestaltete auch den Höhepunkt des ersten Tages, das Freitagsgebet fand unter seiner Führung statt: Der Kalif ermahnte die Gläubigen, man dürfe sich nicht ausruhen, sondern man müsse sich immer wieder selbst hinterfragen. Ob man in den vergangenen 100 Jahren genug erreicht hat? „Es reicht nicht nur Moscheen zu bauen, man muss sie auch mit Leben erfüllen.“ Auch sei es essenziell, die Botschaften immer wieder auch anderen Menschen zu erzählen, denn viele könnten Ahmadiyya noch gar nicht kennen.Nach dem heutigen Auftakt folgen morgen und übermorgen zwei weitere Tage mit vollgepacktem Programm. Den Höhepunkt bildet dabei mit Sicherheit der morgige Nachmittag, wenn der Kalif vor den zehntausenden Gläubigen eine weithin mit Spannung erwartete Grundsatzrede an die deutsche Bevölkerung hält.
Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de
The German Press is covering the Annual Gathering of the Ahmadiyya Muslim Community in Germany well. (sorry, please use google translate)…