Tradition seit den 90er Jahren
Aufräumen an Neujahr: Warum Muslime nach Silvester anpacken
Rund 70 Mitglieder der Ahmadiyya Gemeinde haben im Rems-Murr-Kreis die Reste von Silvester zusammengefegt. Die Tradition wird als religiöse Pflicht verstanden – und als Statement.
Stand1.1.2026
Neujahrsputz: Warum Muslime in Schorndorf die Reste des Silvesterfeuerwerks aufräumen
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Neujahrsmorgen, klirrende minus 5 Grad herrschen auf dem Platz zwischen Postturm und Bahnhof in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis): Zehn Männer und Jungen hantieren mit Besen, Schaufeln und Zangen, füllen ausgebrannte Feuerwerks-Batterien, Raketen-Reste, zerdepperte Flaschen und allerlei weiteren Unrat in blaue Müllsäcke. Neujahrsputz der Ahmadiyya Gemeinde im Rems-Murr-Kreis: Seit Mitte der 90er Jahre ist das eine gelebte Tradition der Muslime – deutschlandweit. Was 1992 im hessischen Nidda begann, betreiben heute der Glaubensgemeinschaft zufolge muslimische Jugendliche und Männer in 250 Städten.

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“Ich denke, dieses Jahr ist es nicht weniger Müll als die Jahre zuvor”, sagt Khurram Shahid. “Es wurde viel geböllert.” Der 34-Jährige ist für den interreligiösen Dialog seiner Gemeinde zuständig, die mit der Nasir Moschee in Waiblingen ihren Sitz hat. Das Putzen nach dem frühmorgendlichen Neujahrs-Gebet ist für die Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland auch religiöse Praxis: Sie sehen es als ihre Pflicht an, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, in der sie leben.

“Für einen Muslim ist es wichtig, seinem Heimatland gegenüber loyal zu sein”, erklärt Shahid. Für ihn ist der Neujahrsputz auch ein Statement mit Blick auf Migration und die “Stadtbild”-Debatte angestoßen von Kanzler Friedrich Merz (CDU). Muslime mit Migrationshintergrund seien bereit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, so Shahid. Und das schon länger: Ältester Mitstreiter der Zehn in Schorndorf ist der 60-jährige Tariq Butt, der seit den 90ern schon mithilft. Seine beiden längst volljährigen Söhne Ayaz und Faraz sind auch schon seit Jahren dabei.
Erst beten und frühstücken, dann aufräumen
Insgesamt sind es an diesem Neujahrsmorgen rund 70 Mitstreiter, die nach Friedens-Gebet und gemeinsamen Frühstück in die Innenstädte von Schorndorf, Waiblingen, Winnenden und Backnang aufgebrochen sind. Wo sie putzen, was sie putzen und wo die Stadtreinigung jeweils die prall gefüllten Säcke abholt, ist alles vorab besprochen. In Schorndorf ist es der Busbahnhof, den sie reinigen. Denn dort, direkt vor der Straße hinein in die Altstadt mit Böllerverbot, war es in der Nacht davor hoch hergegangen.

Nach etwa anderthalb Stunden sind die Müllsäcke voll, die Besen, Schaufeln und Zangen lehnen an der Wand und warten auf Abholung. Zeit zum Aufwärmen und Ausspannen. “Wir gehen jetzt nach Hause und machen uns erstmal einen Tee oder Kaffee”, sagt Ayaz Butt. Der 30-Jährige lacht. Ein kleines bisschen noch Schlafen, das gönnen sie sich dann noch. Erst dann beginnt auch für sie der ganz normale erste Tag im Jahr 2026.

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